Lichtfanger

Das Schildbürgerbuch erzählt von den Bewohnern Schildas, äußerst klugen und deshalb von Königen und Kaisern als Berater begehrten Männern, die sich dumm stellen, um der langsamen Entvölkerung Ihres Städtchens entgegen zu wirken. Sie sind darin so gut, dass sie mit der Zeit wirklich dumm werden und versuchen, das Sonnenlicht mit Eimern einzufangen.

Auf den ersten Blick erinnert das Foto an Aufnahmen aus einem Flugzeugfenster, durch dessen dickwandigen Kunststoff Lichterscheinungen und Lichtbrechungen zu sehen sind. Der sowohl am oberen, als auch am unteren Bildrand angedeutete Ring suggeriert, dass sich eine Figur weit über den Bildausschnitt hinweg ausdehnt. Aus der Tiefe des Bildraumes ausgehend, zeigt das Zentrum eine helle Kreisform, vielleicht eine Lichtquelle, deren Strahlen sich in einem tunnelartig angelegtem Raum ausbreiten. Innerhalb dieses Raumes schwebt im Vordergrund eine amorphe Helligkeit, die an eine diffuse Wolkenbildung erinnert. Im oberen Bildraum herrscht dunkles Blau, während sich die vom Zentrum entlang der Mittelachse entwickelnde Strahlenformation rötlich einfärbt. Die vermeintliche Wolkenformation ist am hellsten und überstrahlt sogar die vermutete Lichtquelle im Zentrum. Nun scheint es, als sammele sich hier eine Ablagerung allen Lichtes, das, umgekehrt als zunächst vermutet, in den Tunnel einzudringen versucht.

In dieser Serie arbeitet Müller mit einer umgebauten Lochkamera. Hinter der kleinen Öffnung, durch die nur wenig Licht fällt, ist eine hochgradig Licht absorbierende Folie angebracht. Ein beträchtlicher Teil des Lichts wird reflektiert und vagabundiert im Inneren der Kamera herum, findet aber schließlich einen Weg auf den Film. Was man auf der Aufnahme, vertrauend darauf, jedem fotografischen Bild ein reales Vorbild zuordnen zu können, an Gegenständlichkeit auszumachen glaubt, sind jedoch nahezu ausschließlich optische Effekte im Inneren der Kamera. Es handelt sich also, im Sinne der Inszenoierungsstrategien Andreas Müller-Pohles, um solche des Apparats und des Lichts.

Für Lichtfänger hat Müller zwei Versuchsanordnungen gewählt. In einem ersten Ablauf hat er die Kamera hinter der Windschutzscheibe oder auf dem Dach eines Auto installiert und mehrstündige, ziellose Trips unternommen. Je nach Ausrichtung der Kamera, Dauer der Fahrt und atmosphärischen Bedingungen wurde dabei mehr oder weniger Licht aufgenommen. Die Bewegung des Fahrzeugs läßt sich aus den Bilder nur indirekt herauslesen, nämlich dort, wenn das Auto steht – analog zum zweiten Ablauf, wo Müller die Kamera oft über mehrere Tage hinweg fest an einem Ort installierte, und sich an sonnigen Tagen deren Weg in die Aufnahme brennt. Allein das Licht, die Präsenz und der Verlauf der Sonne bilden sich in den Photographien als diffuse Strahlengebilde und abstrakte farbige Sedimentierung ab. Nur wenn man sich vertraut macht mit den Regeln dieser Bildlichkeit, wird das tatsächliche Geschehen näher identifizierbar. Man kann sich jedoch auch auf die Poesie eines Farbenspiels konzentrieren, das Licht am Ende eines Tunnels, ein auf den Betrachter ausgerichtetes intimes Spektakel geniessen und mit den Augen die berühmt berüchtigte Wanderung ins Licht antreten.

Text: Rafael von Uslar